Ente bleibt Ente - Kindheitstraumata
Empathie ist die Fähigkeit, sich in die Gefühlslage des Gegenübers hineinzuversetzen. Das mit dem Hineinversetzen kann ich gut. Abgesehen von den Aufgaben an Schauspielschulen, sich vorzustellen, man sei eine Amöbe oder der Regenmantel von Jean-Claude van Damme. Ich habe ein Gespür für Traumata aus der Schulzeit.
Ich gehörte zu den dicken Kindern, die stets als letzte in die Mannschaft gewählt worden. Genau genommen war ich die letzte. Ich war auch das hässliche Entlein, das in der Disko immer die Vorstadtelvise fragen musste, ob sie diese oder jene Freundin gut finden, um diese Nachricht brühwarm an Betreffende weiterzugeben. Mit mir an der Seite wurde der Unterschied zwischen Schwan und Ente deutlicher. Außerdem war ich gut in Mathe und bekam von Mutti schon mal lecker Kuchen in die Brotdose. Da war ich äußerst beliebt. Für Projektarbeiten war ich gefragte Partnerin, da es nie Probleme mit der Arbeitsteilung gab. Ich leistete meine 100 Prozent. Zuverlässig. Und wenn jemand eine Begleitung für die Disco suchte, kein Problem. Ich begnügte mich mit dem Hinweis nach vergangenen Stunden unter Blitzlicht und Boxengewummer „Ach, du bist ja auch noch da.“
Da fällt mir eine meiner Lieblingssinnlosbeschäftigungen ein. Stayfriends kann ja jeder. Aber sich an Namen von Mitschülern erinnern, ist schon eine Herausforderung. Und wenn ich es geschafft habe, tippe ich deren Namen in Google ein, um zu lesen, was aus ihnen geworden ist. Oder halt nicht. Machen wir uns nichts vor. Ich muss nicht erst zu einem Schuljubiläum, um mich zu vergewissern, dass sich wirklich niemand an mich erinnert oder mich erkennt. „Muddi wer?“ Diese Demütigung erspare ich mir. Aber das Unsichtbarsein hat auch seine guten Seiten. Niemand wird später sagen, „Mensch, die war mal so gut in der Schule, doch jetzt, hm“ oder „Ihre besten Zeiten liegen hinter ihr“, „Hat ja schon einige Kilos zugelegt.“ Da futter ich doch gern meine Pralinchen ohne schlechtes Gewissen. Denn die Ente bleibt schlimmstenfalls nur eine Ente.
Aber der Frosch, der mal ein Prinz war, leidet. Gerade gestern erinnerte ich mich an den Prinzen der Schule, der im Leistungskurs Englisch hinter mir saß. Er war schön und intelligent. Ist er immer noch, nur die Haare sind auffallend dunkler. Hat der früher etwa Strähnchen gefärbt? Der Haken: Junge, warum um alles in der Welt CDU? Würd ich ihn gern fragen. Aber ist zu umständlich. Müsste ihm ja stundenlang erklären, wer ich bin. Dann bleib ich unsichtbar.
Denn heute würde mich immer noch niemand in eine Sportmannschaft wählen. Aber nun macht es mir nichts mehr aus. Klar, ich bin immer noch empathisch. Und wenn ich mir vorstelle, die Belgische Praline zu sein, die ich gerade in der Hand halte, fühle ich: Angst. Es ist nah, das En …
claudia kring am 03. Januar 12
|
Permalink
|
0 Kommentare
|
kommentieren